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UltraRunners-Laufberichte
100 km von Biel, 17.-18. Juni 2011
Von Claudia Kümper
Endlich war es soweit! Alle Fragen, ob ich mich ausreichend vorbereitet hätte, ob der Trainingsplan, an den ich mich fleißig gehalten hatte (Zielzeit 13 Stunden), wirklich funktioniert, ob mein Wille, auf jeden Fall egal wie ins Ziel zu kommen, stark genug sein würde, befanden sich nun auf dem Prüfstand. Die Bieler Lauftage, die Nacht der Nächte, die 100 Kilometer durch die Schweiz standen unmittelbar bevor.
„Irgendwann musst du nach Biel“ - es dauerte einige Zeit, bis mich dieser Ruf erreichte. Aber vor etwas mehr als einem Jahr machte sich der Gedanke breit, mir diesen Lauf selbst zum 50. Geburtstag zu schenken. Da ich nicht im Juni Geburtstag habe, blieb nur noch die Frage: vorher oder nachher? - und ich entschied mich für vorher (so hatte ich noch einen Versuch gut). Frank war ohne Zögern bereit mich zu begleiten, obwohl klar war, dass dies eine lange Nacht für ihn werden würde, die unter Umständen Nachteile für seinen eine Woche später geplanten Zugspitz-Ultratrail mit sich bringen könnte. So nahm das Projekt langsam Formen an. Immer wieder gingen wir im Gespräch den Streckenplan durch, setzten uns Teilziele, ließen Steigungen und unwegsame Wegstrecken vor unserem geistigen Auge entstehen und beschlossen, steile Anstiege grundsätzlich zu gehen statt zu laufen, um Kräfte zu sparen. Daneben berichtete Frank, der die Strecke von früheren Läufen kannte, wie landschaftlich wunderschön und abwechslungsreich manche Abschnitte waren bis hin zum legendären „Ho-Chi-Minh-Pfad“. Ich war gespannt!

Am Freitag gegen Mittag machten wir uns von Neuwied aus auf den Weg. Der Lauf sollte zwar erst um 22 Uhr starten, aber ich wollte auf jeden Fall rechtzeitig in Biel sein und vielleicht noch eine kleine Erkundungsrunde durch den Ort drehen. Daraus wurde nichts! Wir waren zwar sehr rechtzeitig auf dem Expo02-Gelände am Bieler See, fanden einen guten Parkplatz und nahmen zügig unsere Startunterlagen in Empfang, aber dann begann es heftig zu regnen. Wir hatten die Wettervorhersage seit Tagen beobachtet und wussten, dass es ein sehr nasser Lauf werden würde. Aber irgendwie hofft man ja bis zuletzt auf eine positive Wende... So blieb uns nur, es uns im Kofferraum gemütlich zu machen, dem prasselnden Regen zuzuhören und ein wenig zu schlummern.
Als der Regen etwas nachließ, begaben wir uns zu einer nahen Tankstelle, wo wir einen kleinen warmen Snack, Kuchen, Kekse und Getränke erstanden. Wir hätten uns auch gerne zur Pasta-Party im Veranstaltungszelt gesellt, aber dort konnte man nur mit Schweizer Franken bezahlen, und die hatten wir nicht dabei. Es kostete schon genug Überredungskunst, einige Souvenirs (die auch parallel in Euro ausgezeichnet waren) wirklich für Euro zu erhalten. Da war das Bezahlen mit „Plastikgeld“ an der Tankstelle doch deutlich einfacher.
Auf dem Parkplatz waren nun zunehmend mehr Läufer zu sehen, gleichzeitig ein interessanter Anblick von T-Shirts vergangener Wettkampfteilnahmen, man kam ins Gespräch und es blieb die spannende Frage: Was ziehe ich an? Die Temperaturen lagen um 15°C (gefühlt wie 10°C durch Wind und Regen) und ich entschied mich für T-Shirt mit Unterhemd und lange Hose (eine sehr gute Entscheidung!). Außerdem hatte Frank zwei dünne Regencapes im Gepäck dabei.
Gegen 21:30 Uhr machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt zur Startaufstellung am Kongresshaus. Dort herrschte eine fantastische Stimmung, der Platz war durch Scheinwerfer beleuchtet, gleichzeitig war noch genügend Licht am nachtblauen wolkenreichen Himmel. Und es regnete nicht! Wir machten noch ein paar Fotos, lauschten den Worten des Veranstalters und zählten schließlich den Countdown bis zum Startschuss..

Die ersten Kilometer führten uns durch die Stadt, zunächst noch als breites Läuferfeld und angespornt von Zuschauern am Wegrand und vor den Gasthäusern. Dann wurde es langsam ruhiger, das Läuferfeld zog sich auseinander und die Straßenbeleuchtung der Vororte sorgte für Licht auf unserem Weg. Ich fühlte mich gut und hätte so weiter laufen können, aber da kam schon die erste Steigung vor Jens auf uns zu, und wir nahmen sofort das Tempo raus. Diese Entscheidung und das konsequente Umsetzen an jeder weiteren Steigung war der Erfolgsfaktor für eine lange Ausdauer über die folgenden Kilometer. Inzwischen hatte es wieder angefangen zu regnen und ich freute mich auf das erste Etappenziel in Aarberg (dabei war ich doch gerade erst 16 km gelaufen!!). Im Ort liefen wir an jubelnden Menschen vorbei (Gänsehaut!) und ließen uns auf der alten Holzbrücke fotografieren.
Copyright Foto: Alphafoto.com
Danach war es bald sehr still und sehr dunkel, sodass unsere Stirnlampen zum Einsatz kamen. Frank hatte zum Glück einen starken Scheinwerfer, wohingegen meine Funzel eher wie ein Dekorationsobjekt aussah. Trotz der Beleuchtung konnten wir nicht verhindern, dass wir in etliche tiefe Pfützen traten und schon bald quatschnasse Schuhe und Füße hatten. Mit Sorge dachte ich an die immer weicher werdende Fußhaut und folgende Blasen. Ab Lyss waren auch Fahrradbegleiter auf der Strecke zugelassen, aber zum Glück störten die doch weniger, als ich zuvor befürchtet hatte. So liefen wir wie ein Uhrwerk durch die nasse Nacht, vorbei an den Verpflegungsstellen in Ammerzwill und Scheunenberg, wo wir jeweils eine kurze(!) Rast einlegten, Bananen, Brühe, Riegel oder Cola zu uns nahmen, mit dem Blick auf das zweite Etappenziel in Oberramsern.
Leider machten sich unterwegs meine altbekannten Magen-Darm-Probleme wieder bemerkbar und ich verzichtete im weiteren Verlauf an den reich gedeckten Tischen der Verpflegungsstellen auf jegliche Nahrung oder kalorienhaltige Getränke - bis auf Orangenspalten, die ich gerne auslutschte, und natürlich Wasser. Frank (mein „Wasserträger“) füllte unsere Trinkflaschen regelmäßig auf, sodass ich auch unterwegs immer einen Schluck trinken konnte. Ansonsten lebte ich von Traubenzuckerplättchen, die ich mir in den Mund schob. So konnte ich den Magen austricksen und weitgehend beruhigen.
Nach einem weiteren Anstieg näherten wir uns Jegenstorf. Von dort aus waren es nur noch 8 km bis Kirchberg und dazwischen lag das „Bergfest“.

In Kirchberg herrschte ein munteres Treiben, viele Leute saßen an langen Tischen oder ruhten sich aus. Frank meinte, dass ich nicht mehr „ganz frisch“ aussehen würde, und genau so fühlte ich mich auch, mir war immer noch latent übel. Aber inzwischen hatte der Regen weitgehend aufgehört, der neue Tag brach an und der Emmendamm, der besagte „Ho-Chi-Minh-Pfad“, lag vor uns. Hintereinander (weil nebeneinander ging nicht) liefen wir über den Grasdamm, auf steinigen schmalen Wegen und durch Unterholz, wo wir miterlebten, wie zwei Läufer in unserer Nähe über Baumwurzeln stolperten und stürzten. Die Kleingruppe, der wir uns anschlossen, legte ein moderates, angenehmes Lauftempo vor, sodass ich die nächsten 10 Kilometer gut hinter mich brachte. Am Ende dieses beschwerlichen Wegstücks wartete die Verpflegung in Gerlafingen auf uns. Nun hatten wir den nordöstlichsten Punkt der Runde erreicht und begaben uns Richtung Westen auf die „Zielgerade“, die zu diesem Zeitpunkt noch 32 Kilometer lang war. Laufender- und gehenderweise näherten wir uns Bibern, wo der letzte steile Aufstieg dieser Strecke auf uns wartete. Hier waren die meisten Mitstreiter am Gehen, man kannte langsam die Gesichter und kam miteinander ins Gespräch. Hinter der letzten Bergkuppe ging es steil bergab Richtung Arch und wir begannen bis ins Tal zu laufen. Die Muskeln und die Kniescheiben machten mit, und so setzten wir den Lauf bis Büren fort. Damit hatten wir ein gutes Stück der Wegstrecke geschafft.

Copyright Foto: Alphafoto.com
Nur die Blasen an beiden Füßen machten sich nach der Mehrbelastung deutlich bemerkbar, und ein „fußschonenderer“ Lauf war aufgrund der erschöpften muskulären Feineinstellung auch nicht mehr möglich. Der Schmerz in den Oberschenkeln und den Füßen hielt sich beim Gehen am ehesten die Waage, und so kam es, dass ich die letzten 12 Kilometer entlang der Aare nicht mehr in den Laufschritt verfiel. Das tat mir zwar Leid um die gute Zeit (immerhin hatte ich in den ersten 12 Stunden 90 Kilometer zurückgelegt), aber die körperlichen Signale und die nachlassende mentale Stärke ließen kein schnelleres Tempo mehr zu. Zudem hatte inzwischen wieder ein heftiger Regen eingesetzt, der uns bis ins Ziel begleiten sollte. Wir zogen uns die Regencapes über unsere nasse Laufkleidung, um nicht allzu sehr auszukühlen (Frank zog sich obendrein noch Handschuhe an), trotzdem fühlte ich mich fröstelig, woran sicherlich auch die Erschöpfung ihren Anteil hatte. Während des gesamten Laufes (auch zu nachtschlafener Zeit) hatten uns freundliche Menschen an der Wegstrecke mit „Bravo“- und „Hopp, Hopp“-Rufen motiviert und belohnt. Sogar jetzt, als wir tropfnass und alles andere als dynamisch des Weges kamen, tönte uns von Zuschauern unter großen Regenschirmen ein anerkennendes „Bravo“ entgegen. Das tat so gut!


Einen Kilometer vor dem Ziel hielten wir noch einmal kurz an, um uns gegenseitig vor dem 99 kmSchild zu fotografieren. Nun wussten wir, dass wir in 10 Minuten im Ziel sein würden. Als die ersten Geräusche vom Festplatz an unser Ohr drangen, zogen wir unsere Regencapes aus, sammelten noch einmal alle Kräfte und liefen die letzten 300 Meter ins Ziel. Ich sah den blauen Teppich, hörte unsere Namen aus dem Lautsprecher, blickte auf ein Spalier aus klatschenden Menschen und in die Kameras der Fotografen. Ich hatte es geschafft, ich war nach 100 Kilometern und 13:35:16 Stunden im Ziel angekommen!
Copyright Foto: Alphafoto.com
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