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UltraRunners-Laufberichte

Frankfurt Marathon, 31. Oktober 2010

Von Iris Hadbawnik

Sobald der Herbst über Frankfurt hereinbricht, die ersten Blätter fallen und die Tage kürzer werden, ist das für mich ein klares Zeichen: Der Marathon steht vor der Tür. Denn seit 2002 bietet mir der Frankfurt Marathon, der sozusagen direkt an meiner Haustür vorbeigeht, den perfekten Saisonabschluss.

So auch in diesem Jahr. Einem Jahr, in dem der Frankfurt Marathon als Lauf der Rekorde in die Geschichtsbücher eingehen wird. Ein sensationeller Streckenrekord bei den Männern, bei dem Wilson Kipsang mit einer Zeit von 02:04:57 Stunden im internationalen Vergleich die zweitschnellste Siegerzeit und die drittschnellste Marathonzeit in diesem Jahr erreicht. Dieser Siegerzeit folgt ein neuer Streckenrekord bei den Frauen sowie je eine Weltrekordzeit im Rückwärtslaufen, einer sehbehinderten und einer blinden Läuferin. Rekorde fallen sozusagen im Minutentakt. Und am Ende des Tages bleibt mir nur eine Erkenntnis: Leider, leider sind Rekorde nicht ansteckend …

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Dabei standen alle Zeichen gut. Die Zeitumstellung in der Nacht schenkte uns eine Extrastunde Schlaf, und bereits am frühen Morgen kündigte sich ein schöner und sonniger Herbsttag an. Mit Spannung erwartete ich die Reaktionen meines Körpers, denn vor knapp vier Wochen bin ich noch beim Ultralauf in Köln mit 73,3 Kilometern gestartet. War ich schon wieder genügend regeneriert? Sind Muskeln, Sehnen, Gelenke zu hundert Prozent fit? Oder – ich wagte es kaum zu denken – könnte es diesmal sogar für einen persönlichen Rekord mit neuer Bestzeit reichen? Mit Spannung stehe ich am Sonntagmorgen am Start der 29. Auflage des Frankfurt Marathons. Mit Händen und Füßen hatte ich mich zuvor zu meinem Startblock durchgeboxt, mit letztem Einsatz bin ich über die Absperrgitter geklettert. Dicht gedrängt und in ausgelassener Stimmung wartet die Masse von etwa 12.000 Läufern kurz vor 10 Uhr auf den erlösenden Startschuss.

Des einen Freud, des anderen Leid

Bereits auf den ersten Kilometern im Zickzack-Kurs durch die Frankfurter Innenstadt zeigte sich: Es wird ein warmer Herbsttag. Ein sehr warmer Tag … und vielleicht zu warm für eine neue Bestzeit? Ein etwas kühleres Wetter hätte ich mir für diesen Tag schon gewünscht, aber ein Blick an den Straßenrand zeigte schnell: Das sonnige Wetter hatte mehrere tausend johlende Zuschauer mit einer großen Portion guter Laune in die Mainmetropole gelockt. Ich laufe und genieße jeden einzelnen davon.

Der Vorteil, einen Marathon zu laufen, den man seit Jahren in- und auswendig kennt, ist gleichzeitig der Nachteil. Dadurch, dass man jeden Zentimeter des Streckenverlaufs kennt, erlebt man keinerlei Überraschungen mehr. So scheinen mentale Tiefpunkte an vielen Stellen entlang der Strecke über Jahre hinweg in meinem Hirn regelrecht eingebrannt zu sein. Wie bei einem Computerprogramm wurden diese Gedankenmuster nun abgerufen. Kilometer 15: Oh mein Gott, das zieht sich. Kilometer 21: Genau hier fühlte ich mich auch im letzten Jahr sehr schlapp. Schwanheimer Brücke: Hatte mich hier nicht mal der 3:45er Pacer überholt? Und so geht es in einem fort. In der Mainzer Landstraße bei Kilometer 32 fällt mir ein, dass ich genau an dieser Stelle im letzten Jahr ein paar Meter gehen musste. Und prompt quengelt mein Körper mit seiner letzten ihm noch zur Verfügung stehenden Kraft: „Ich muss jetzt auf der Stelle ein paar Schritte gehen!“ …

Langsam beginne ich mich zu fragen, ob es überhaupt Sinn macht, weiterhin in Frankfurt zu starten und auf Bestzeit laufen zu wollen. Als mich 5 Kilometer vor dem Ziel auch noch der 4-Stunden-Pacemaker überholt, war ich endgültig demoralisiert. Ein kurzer Blick auf die Uhr, und mir wurde schlagartig klar, dass ich nicht einmal mein Minimalziel, nämlich unter einer Zielzeit von 4 Stunden zu bleiben, realisieren kann. Ich wusste, jetzt hat mich „Hammering Man“ endgültig in seinen Klauen. Deprimiert hörte ich in mich hinein. Lauschte ganz angespannt, was denn da kommen möge. Aber es tat sich nichts! Hammering Man blieb, wo er war (vermutlich stand er weiterhin am Messeturm ;-)). Aber ich spürte etwas ganz anderes: Erlöst von meiner „Fußfessel“, eine bestimmte Zielzeit zu erreichen, lief es sich plötzlich viel leichter. Ich konnte die Atmosphäre und die Stimmung entlang der Straßen wieder ganz bewusst aufsaugen. Allein aus dem Jubel des Publikums und der vielen Menschen, die mich immer wieder mit „Iris, du schaffst das“ anfeuerten, zog ich die Kraft, die letzten beiden Kilometer quasi über die Strecke zu fliegen. Die tosende Zuschauermenge in der Frankfurter Festhalle und der Zieleinlauf über den roten Teppich entschädigten mich für jeden einzelnen der quälenden Gedanken innerhalb der letzten 4 Stunden, 1 Minute und 24 Sekunden.

Jeder ist ein Sieger

Traditionell bleibe ich nach dem Frankfurt Marathon in der Festhalle, bis auch der letzte Läufer auf der Strecke seinen Weg über den roten Teppich gefunden hat. Egal, ob die Läufer nach vier, fünf oder sechs Stunden ins Ziel einlaufen, jeder von ihnen hat eine großartige Leistung vollbracht, und jeder von ihnen wird hier gefeiert wie ein König. Ein tolles Erlebnis und so emotional, dass ich mir still und heimlich die ein oder andere Träne aus dem Auge wischen muss. Und als ich da am Zieleinlauf stand, in die glücklichen Gesichter der Läufer blicke und die Begeisterung deren Familie und Freunde spüre, wird mir eines ganz klar: Einmal Frankfurt, immer Frankfurt! Denn im nächsten Jahr will auch ich wieder diesen einzigartigen Zieleinlauf erleben und werde pünktlich um 10 Uhr an der Startlinie dieses großartig organisierten und stimmungsvollen Laufes stehen.

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Dieser Artikel ist in den Tri-News 11/2010 beim Sportwelt Verlag erschienen.