UltraRunners-Laufberichte
MIAU 2010 Katzenjammer inbegriffen
Von Iris Hadbawnik
Monatelang stand der MIAU im Zentrum meiner Wettkampfplanung für das Jahr 2010. Gemeinsam mit meinen Laufpartnern Oli und Frank haben wir das Training geplant, Motivationsstrategien entwickelt, die Laufstrecke analysiert und das Wetter studiert. Und nun sollte es endlich losgehen: Am Morgen des 9. April standen wir um kurz vor 7 Uhr am Siegestor in München und warteten auf den Startschuss des MIAU 2010. Dem ersten München-Innsbruck-Alpen-Ultra. 100 Meilen von München nach Innsbruck. 160,9 Kilometer mit 1.348 Höhenmetern lagen vor uns, die wir in einer Zeit von innerhalb 30 Stunden zu bewältigen hatten. Aber zu diesem Zeitpunkt waren dies alles noch blanke Zahlen ...
Der Startschuss fiel und Bernd Kalinowski, der Veranstalter des Laufes, schickte uns pünktlich auf die Strecke. Das Wetter war traumhaft und auf der Runde durch den Englischen Garten begrüßte uns die Morgensonne an einem klaren blauen Himmel. Dass diese Idylle später zunehmend zur Belastung werden sollte, ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, denn noch lagen die Temperaturen deutlich unter 10 Grad.
Die Stimmung zwischen den Läufern war entspannt. Ein lustiges Völkchen aus „alten“ Hasen und Rookies auf der 100-Meilen-Strecke hatte sich zusammengefunden. Der älteste Teilnehmer mit stolzen 70 Jahren lief an diesem Tag seinen 125. 100-Meilen-Lauf. Respekt!
In lustiger Atmosphäre und interessanten Gesprächen vergingen die ersten Kilometer wie im Fluge. Dank einer abwechslungsreichen Strecke an der Isar entlang, auf teils breiten Radwegen, teils wunderschönen Trailpfaden, waren wir ruckzuck an der ersten Verpflegungsstelle bei Kilometer 25 angelangt. Jetzt hieß es Getränke nachfüllen und sich am reichhaltigen Sportlerbuffet laben: Ob Bananen, Salzstangen, Nüsse, Gummibärchen, Schokolade, Käsebrote, Leberkäse, Brühe, Cola, Kaffee, Bier ... Die Verpflegung des MIAU bot alles, was das kulinarische Läuferherz begehrte.
Mit zunehmender Uhrzeit stiegen jedoch leider auch die Temperaturen. Die tagelang vorher studierte Wettervorhersage reichte von 6 bis 8 Grad bei Sprühregen und bis zu 15 Grad bei mäßiger Bewölkung. Was uns jedoch bis zum Sonnenuntergang bei Kilometer 100 begleiten sollte, war ein wolkenloser blauer Himmel und Temperaturen bei knapp über 20 Grad. So machte uns die Sonne von Rothenrain bei Kilometer 54 bis kurz vor den Achensee schwer zu schaffen. Jetzt hieß es kühlen und genügend salzhaltiges in Form von Brühe oder Salztabletten zu sich nehmen, um etwaigen Krämpfen vorzubeugen.
Die Anteilnahme der Passanten am Wegesrand war groß. Ein mancher mag es nicht glauben, dass wir bis Innsbruck laufen. „Lauft Ihr einen Marathon?“, fragte uns eine ältere Dame. „Nein, 160 Kilometer!“ Ihr Gesichtsausdruck spricht Bände ... Ein Inliner ist ebenso entsetzt: 160 Kilometer??? Und bietet uns daraufhin an, eine Abkürzung bis Innsbruck zu nennen. Was wir aber dankend ablehnen. :-)
Ein Radfahrer ruft uns zu: „Ich wünsche euch, dass es unterwegs nie langweilig wird.“ Aber Langeweile ist das letzte, was uns begleiten sollte. Vielmehr waren es die „Kleinigkeiten“, die ein Ultralauf mit sich bringt und diesen zur Qual werden lässt: Blasen an den Füßen (vorzugsweise an den Fußballen - und die sich im Rennverlauf öffneten), wundgescheuerte Oberschenkel, Muskelverhärtungen und die immer wiederkehrenden mentalen Tiefen.
Da wir den Großteil der Strecke im 3er-Team unterwegs waren, konnten wir uns immer wieder gegenseitig aus Tiefpunkten heraushelfen. Diese mehrten sich beispielsweise bei Nacht, wenn die Markierung der Streckenführung zunehmend schlechter zu finden war. Kleine rote Pfeile oder drei Punkte auf dem Boden waren im Schein der Stirnlampen nicht oder nur sehr schlecht auszumachen. Etliche Läufer haben sich verlaufen und mussten von den Helfern wieder auf den rechten Weg zurückgeführt werden. Bei einem Sololauf wäre ich an manchen Stellen schier verzweifelt. Da mit fortschreitender Laufzeit irgendwann die Nerven blank liegen, kann die Suche nach der Streckenmarkierung schon mal zum Wut- oder Heulausbruch führen.
Der weitere Verlauf der Strecke führte uns durch das Karwendelgebirge an den letzten Schneefeldern vorbei, bis zum Achensee auf eine Höhe von über 1.000 Metern. Von Maurach ging es hinab nach Jenbach ins Inntal, wo wir auf einer Strecke von knapp 4 Kilometern über 400 Höhenmetern die Bundesstraße hinabliefen. Jetzt hieß es die Kniescheiben festhalten, Augen zu und durch. In Jenbach erreichten wir bei Kilometer 120 die fünfte Verpflegungsstelle in der Shell Tankstelle. Bei selbstgebackenem Kuchen, Erdbeeren und einen schönen starken Espresso erzählte uns der Inhaber, selbst ein aktiver Triathlet, dass dieser Berg im Schnitt 16 %, an der steilsten Stelle 22 %, betrug. Ein Glück für uns, dass wir diesen nicht hinauf laufen mussten. :-)
Weniger spektakulär sollte der Rest der Strecke verlaufen: Recht flach entlang des Inn-Radweges bis nach Innsbruck. Nur noch 40 Kilometer? Noch knapp ein Marathon? Hah, das wird doch wohl mit links zu schaffen sein. Soweit die Theorie ...
Bevor wir den „Endspurt“ starteten es war mittlerweile 1 Uhr in der Nacht erweiterte sich unsere 3er-Gruppe um Michael, der so kurz vor dem Ziel vor Erschöpfung das Handtuch werfen wollte. Mit gemeinsamer Kraft und motivierenden Aprés-Ski-Songs aus meinem Handy (die nicht jedermanns Geschmack entsprachen :-)), legten wir die kommende Strecke teils laufend, teils gehend zurück.
In den Orten wunderten sich dich Nachtschwärmer, zumeist Jugendliche, über die nächtlichen Läufer und mancher Mopedfahrer, der einen vermeintlichen „Alkoholweg“ über die Felder nutzen wollte, traute sich bei Nacht nicht an den leuchtenden Gestalten vorbei und blieb vorsichtshalber auf den regulären Wegen. Auch die Autofahrer hatten Probleme bei voller Fahrt die wippenden Lichter und reflektierenden Warnwesten zu identifizieren.
Auf den letzten 20 Kilometern folgte ein mentales Tief dem nächsten. Ein kurzzeitiger Schüttelfrost von Oli ließ uns kurz diskutieren, ob es nicht sinnvoller sei, den Lauf abzubrechen. Aber nach wenigen Minuten entschieden wir uns dagegen und setzten unseren Weg fort, der jetzt zwar flach, aber umso monotoner vor uns lag. Einzig eine Katze, die uns kilometerlang jammernd mit dem Laufmotto „Miau, Miau“ begleitete, bot eine kleine Abwechslung.
Die Erleichterung war daher groß, als in der Ferne Innsbruck auszumachen war. Auch das Aufgehen der Sonne um kurz nach 6 Uhr deutete darauf hin, dass es nicht mehr allzu weit bis ins Ziel sein konnte. Aber die Kilometer zogen und zogen sich ... Ich spürte neue Blasen an meiner Ferse, mein Rücken tat mir weh und eigentlich wollte ich mich nur noch hinsetzen und meine Ruhe haben. Aber die Angst, dann nicht mehr den Auftrieb zu schaffen, war einfach zu groß. Also bissen wir die Zähne zusammen und liefen weiter. Manch ein morgendlicher Spaziergänger wunderte sich sicher über diese etwas unmotivierten Läufer im Schlappschritt. Selbst die Hunde wichen vor uns zurück, was an unserem mittlerweile nicht mehr ganz frischen Körpergeruch gelegen haben mag ...
Da ich noch nie zuvor in Innsbruck war, wusste ich nicht, wie weit sich diese Stadt am Inn entlang zieht. Unsere Hoffnung „jetzt sind wir da“ wurde zugleich zunichte gemacht, wenn wir in der Ferne den nächsten Pfeil unserer Markierung entdeckten. Und so ging dies eine gefühlte Ewigkeit weiter. Mit Tunnelblick fixierte ich mich nur noch darauf das Ziel endlich zu erreichen. Und als ich bereits dachte, diese Qual nimmt überhaupt kein Ende mehr, zeigte der nächste Pfeil Richtung Innenstadt. Die Erleichterung endlich das Goldene Dachl, und somit das Ziel, vor Augen zu haben, war einfach unbeschreiblich. Auch Oli, der kilometerlang mit unbewegter Miene neben mir herlief, lebte auf. Und so fassten wir uns zu dritt an den Händen und schritten glücklich, erschöpft und etwas lädiert nach 24 Stunden und 45 Minuten gemeinsam ins Ziel.
Das Fazit: Der MIAU ist ein landschaftlicher schöner und kulinarisch unübertroffener Ultralauf. Lediglich die Wegmarkierung führte, zumindest bei Nacht, zu einigem Ärger und glich teilweise einer Schnitzeljagd. Noch steht nicht fest, ob dieser Lauf im nächsten Jahr wiederholt wird, aber wenn, ist eine Teilnahme meiner Meinung nach absolut empfehlenswert.
Und zur Statistik: Beim MIAU 2010 starteten 28 Läufer. 21 Männer und 7 Frauen. 18 männliche Läufer und 7 von 7 Frauen erreichten das Ziel. Der Sieger ist Günter Marhold mit einer Zeit von 17:40 h, die beste Frau ist Gabriele Grohmann mit einer Siegerzeit von 19:51 h.
Fotos zum MIAU 2010 gibt es hier.
Dieser Artikel ist auch im Newsletter "Trinews" 04/2010 vom Sportwelt Verlag erschienen.
|